Ansprache an der Schenkungsfeier

im Dokumentations- und Begegnungszentrum der Jenischen in Zürich

am 10. September 2009

von Pfarrerin lic. phil. Renata Huonker- Jenny



Liebe Anwesende!

Als Vertreterin der vier stadtzürcherischen reformierten Kirchgemeinden und Initiantin darf ich das Wort an Sie richten. Wir haben die Freude, heute dem Dokumentations- und Begegnungszentrum der Jenischen einen Scheck von CHF 70‘ 000.- zu übergeben und Robert Huber für seinen Einsatz für die Rechte des jenischen Volkes eine Ehrengabe von CHF 10‘ 000.- zu verleihen.

Robert Huber zeichnen wir aus

für seinen jahrzehntelangen, erfolgreichen Einsatz für die Anerkennung der Rechte des jenischen Volkes in der Schweiz und in Europa;

für seine Arbeit als Präsident der Radgenossenschaft der Landstrasse seit 1985;

für sein Wirken als Mitglied des Beirats des Schweizer Fonds zugunsten bedürftiger Opfer von Holocaust / Shoa 1997 – 1999;

und für die Gründung des Dokumentations- und Begegnungszentrums der Jenischen in Zürich am 7. November 2003.



Seine Persönlichkeit und sein Wirken wird in der Laudatio von Frau alt Bundesrätin Ruth Dreifuss gewürdigt.



I

Die vier reformierten Zürcher Kirchgemeinden Altstetten, Hirzenbach, Saatlen und Oerlikon beschenken das Dokumentations- und Begegnungszentrum mit CHF 70‘ 000.-, weil sie in ihm eine schweiz- und europaweit wichtige Stätte des Erinnerns und Begegnens sehen. Erinnern und Begegnen sind zentrale Inhalte des Juden- und Christentums. Modellhaft steht der Auszug der Israeliten aus Ägypten für den Weg aller Minderheiten aus der Ausgrenzung in die Anerkennung. Steinig ist er und dauert lang.

40 Jahre meinen biblisch ungefähr eine Generation. Im Jahr 1973 konnte die Aktion Kinder der Landstrasse nach Protesten im „Beobachter“ gestoppt werden. 36 Jahre sind es her. Die Wunden von damals sind für manche jenische Menschen Gegenwart. Tag und Nacht. In der Seele, im eigenen Körper, in den Gedanken. Dort lagert das Trauma der Vergangenheit, in den Akten sind bloss die schriftlichen Spuren. So z.B. für Nino, der seit Jahren nur mit offenen Augen schlafen kann.

Die Söhne und Töchter Betroffener möchten jedoch oft einen Schlussstrich ziehen. Das Schweigen – nicht das Reden ihrer Eltern und Verwandten über Verletzungen – hat sie selber verletzt. Aber Wiederherstellung der Würde, der Gesundheit, ist möglich, Versöhnung das Ziel.



II

Dass jenische und nicht jenische Menschen sich im Vertrauen begegnen, ist der Sinn dieses Zentrums, ein Ziel Robert Hubers. Wer sich kennt und beim Namen nennt, gibt Vorurteile auf. In diesen Räumen stehen junge Jenische, dank dem Geldgeschenk bald öfters, vor Schulklassen. Sie erklären die jenische Lebensweise heute. Klären auf, warum die Jenischen eine gefährdete Minderheit sind. Glaubwürdig, weil sie wissen, wovon sie sprechen. Sie bekommen hautnah mit, wie sich die Spannungen in der Gesellschaft, weil reich und arm auseinanderdriften, weil die Chancen ungleich verteilt sind, auch an ihnen entladen können. Auch andere Minderheiten wie Homosexuelle, jüdische Menschen, Ausländer, besonders jene mit schwarzer Haut, und alle unter den Begriff Zigeuner fallenden Menschen, heute vor allem die Roma, sind in Gefahr. Minderheiten sind aber keine Blitzableiter.Die vier Kirchgemeinden finden Gegenmassnahmen nötig und empfehlen das aus ihrer Sicht bewährte Erinnern und Begegnen.



III

Beides braucht Räume. Die Kirchgemeinden verfügen über viele Räume, darunter historisch äusserst wertvolle, und genügend institutionelle Geldmittel aus Kirchensteuern, Staatsbeiträgen und Steuern der juristischen Personen. Eine vergleichbare materielle Sicherheit möchten sie den jenischen Institutionen, auch anderen als dem Zentrum, gönnen! Dieser Scheck ersetzt nicht regelmässige Betriebsmittel. Keine Institution dieser Wichtigkeit kann von einem Spendenrinnsal leben. Dass das Zentrum von der öffentlichen Hand bald jene jährlich wiederkehrenden Betriebsmittel bekommt, die es für seine wichtige Aufgabe braucht, ist ein Anliegen der vier Kirchgemeinden an die Öffentlichkeit. Es soll Anlaufstelle für die Jenischen und die an ihnen Interessierten sein. Es empfängt ja jetzt schon viele Studierende von Fachhochschulen und Lehrpersonen, führt eine Mediathek und anderes mehr. Im Rahmen der Sesshaftigkeit eines Kantons würden unvergleichlich viel mehr Geldmittel von Stadt, Kanton und Bund bereitstehen für Verwaltung, Bildung und Kultur, für Soziales und Archivalisches. Aber dieser Ort ist anders. Er ist eine „all in one“-Lösung: Alles unter einem Dach, demjenigen der Radgenossenschaft.



IV

Das Dokumentations- und Begegnungszentrum der Jenischen gibt es erst seit November 2003. Warum nicht früher? Die Verfolgung der ethnischen Minderheit der Jenischen dauerte in der Schweiz weit über die Zäsur des 2. Weltkrieges hinaus durch die Aktion Kinder der Landstrasse, bis 1973. Als das Auseinanderreissen der Familien beendet war, hiess es für die Jenischen, sich erst einmal aufzurappeln. Das hiess, sich selber finden, vielleicht sogar den eigenen richtigen Vor- und Nachnamen, nach Verwandten forschen, im Erwachsenenalter erste Begegnungen mit den Eltern und Geschwistern haben. Hiess mit der Traumatisierung an Seele, Kopf und Körper, mit unterbrochenen Verbindungen zu Gott und der Welt klar kommen. Persönlich und als Kollektiv, jeder jenische Mann, jede jenische Frau, jedes jenische Kind für sich, in der Familie oder Sippe und als ganze Ethnie.



V

Das Geldgeschenk der vier Kirchgemeinden ermöglicht mehr Begegnungen, die Durchführung von Anlässen unter Präsenz von jungen Jenischen, den Ankauf von Nachlässen und das sichere Aufbewahren von Akten. Dies letztere ist vor allem jenen alten Jenischen wichtig, die ein Leben lang dafür gekämpft haben, ihre Akten zu erhalten, um sie lesen und berichtigen zu können. Die Dokumentation jenischer Lebensweise heute ist genauso ein Anliegen – dies mit den Mitteln von 2009: mit Film, Ton, Foto, Video und Ausstellungen.



VI

Die nachhaltige 100-Jahr-Feier des reformierten Stadtverbandes gab den vier Kirchgemeinden die Mittel, das heutige Zeichen zu setzen. Es ist dringlich. Viele alte Jenische, die ihre Lebensgeschichten in sich trugen und von Verfolgung und von seelischer Widerstandskraft erzählen konnten, sind bereits nicht mehr da. Ihre Stimmen sind verklungen. Sie wollten alle keine Rache für das, was ihnen angetan worden war – Kindswegnahmen, Zwangssterilisation, Zwangsadoption, Familienzerstörung, Versenken in Heime, Klöster, Besserungsanstalten, Gefängnisse – sie wollten ihre Rechte wie alle anderen und Versöhnung. Immer mehr jenische Menschen kamen im Lauf der letzten vierzig Jahre dahin, individuell und als Kollektiv sagen: „Ich bin ein Jenischer / eine Jenische.“ „Ich habe oder ich hatte eine Familie und habe andere Jenische um mich“, „Ich kann etwas bewirken.“ Robert Huber ist einer davon, der Grosses bewirkte. Mein Wunsch, er möge rechtzeitig und öffentlich für seinen Einsatz ausgezeichnet werden, musste sich gedulden. Die Geldmittel des Stadtverbandes ermöglichten den vier Kirchgemeinden, selber ein Zeichen zu setzen. Sie tun es mit grosser Freude, im Bewusstsein der Bedeutung dieses Aktes und mit Stolz.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!



Hier der Link zu einem Zeitungsartikel über den bewegenden Anlass