von Pfarrer Walter Eisenhut, erschienen in der Neuen Zürcher Zeitung vom 15.7.1983
Das Stadtbild mag sich gerade in den letzten Jahren drastisch gewandelt haben, der schlanke, campanileähnliche Turm der reformierten Kirche Oerlikon mit seiner dreiteiligen, neuromanischen Glockenfenstergruppe und seinen hohen, ländlich spitzen
Helm, weithin sichtbar auf der Halde gelegen, bleibt ein Wahrzeichen von Zürich-Nord. Am 5.April 1908 wurde die schöne, schon immer recht altehrwürdig wirkende Kirche nach knapp zweijähriger Bauzeit festlich eingeweiht.
Schon Ende letzten Jahrhunderts hatte sich ein "Initiativkomitee für den Bau einer Kirche in Oerlikon" gebildet, das mit einem reichlich komplizierten Projekt in historisierendem Stil an die Öffentlichkeit gelangte. 1899 wurde die Kirchenbaufrage so lebhaft besprochen, dass sich die Kirchenpflege der damals noch vereinigten Kirchgemeine Schwamendingen-Oerlikon damit beschäftigen musste, "um bei den Pflegemitgliedern von Schwamendingen nicht allfällig die Meinung aufkommen zu lassen, als beabsichtige man in dieser Frage hinter deren Rücken vorzugehen.
Ungeduld in Oerlikon
Die Bevölkerung Oerlikons hatte mit dem Bau der Eisenbahn und der Ansiedlung industrieller Betriebe sprunghaft zugenommen: Schon im Jahre 1870, noch zwei Jahre vor der politischen Selbständigkeit, hatte Oerlikon mit gegen 1000 Einwohnern die Nachbargemeinde Schwamendingen überflügelt.
| Die 1891 gebaute, heute noch bestehende Friedhofskapelle an der Schwamendingenstrasse konnte den Oerlikern nicht als Kirche dienen, und der weite Weg nach Schwamendingen in das ohnehin viel zu kleine Kirchlein erschien ihnen als eine Zumutung. Trotzdem liess die kirchliche Verselbständigung Oerlikons noch lange auf sich warten (die Loslösung von Schwamendingen erfolgte erst 1946!); sogar die Bewilligung eines eigenen Pfarramtes wurde vom Bau einer eigenen Kirche abhängig gemacht. |
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Begreiflich, dass sich die protestantischen Kirchgenossen von Oerlikon zurückgesetzt fühlten und am 22.Januar 1900 im Restaurant Henne ungeduldig protokollierten, "dass sich die Frage einer Kirche für Oerlikon nicht mehr aufhalten lasse, ob dieselbe nun mit der Zeit als zweite Kirche der Kirchgemeinde (Schwamendingen-Oerlikon) oder aber durch eventuelle Trennung der Gemeinde von Oerlikon allein erstellt werde; in jedem Falle liege es in der moralischen Pflicht der in Oerlikon wohnhaften Miglieder der Pflege, kein Mittel unversucht zu lassen..."
Bescheidung
Ein Jahr später war man wieder bescheidener geworden. Die missliche Finanzlage der Kirchgemeinde zwang die Behörde, vom Bauvorhaben bis auf weiteres abzusehen. Am 8.Januar1903 erwarb die Kirchgemeinde immerhin das schön gelegene, weithin sichtbare Laufergut auf der Halde zum hohen Kaufpreis von 60'000 Franken, nachdem man erheblich billigere Bauplätze geprüft, ja sogar zeitweilig an einen Umbau der Friedhofskapelle gedacht hatte. Nun waren es vor allem Finanzierungsfragen, die den Bau der Kirche um drei weitere Jahre verzögerten.
An der Sitzung vom 14. Oktober 1904 gab gar ein Kirchenpfleger schüchtern zu bedenken, "dass schöne Kirchen allein das evangelische Leben nicht zu heben vermögen..., ob denn das Bedürfnis einer Kirche für die Gemeinde so absolut dringend sei..."
Kirchturmpoesie
Doch der Wunsch der Oerliker nach einer eigenen Kirche war stärker. Der damalige Pfarrer von Schwamendingen-Oerlikon, Karl Huber, mag die Stimmung in seiner Kirchgemeinde gut nachempfunden haben, als er in der Einleitung seiner "Denkschrift zur Erinnerung an die Einweihung der neuen protestantischen Kirche in Oerlikon" rührend schrieb: "Drüben, an der Halde des Zürichbergs idyllisch eingebettet, träumt die Kirche Schwamendingen den stolzen Traum von alten Zeiten, da sie noch das einzige Gotteshaus weit in der Runde war. Dort zur Rechten grüsst vom Sonnenberg hernieder Seebachs liebliches Kirchlein; und vorn, wo Strasse und Schienenstrang sich vereinigen, breitet sich eine immer mehr sich ausdehnendes Häusergewirr aus, der Vorbote der Stadt ..., die werdende Stadt des zwanzigsten Jahrhunderts. Aber eines fehlt in dem lachenden Landschaftsbilde: Ein himmelanstrebender Turm, der das Haus des Herrn kündet an der Stätte des modernen Lebens, du suchst ihn umsonst...."
Am 22. Januar 1905 bewilligte die Kirchgemeinde für den Bau einer neuen Kirche den vorläufigen Kredit von 300'000 Franken, der nach weiteren Kostenberechnungen im "Echo vom Zürichberg", der damaligen Quartierzeitung, heftig angefochten wurde. Schliesslich kam die Kirche auf fast eine halbe Million Franken zu stehen, eine für damalige Verhältnisse recht grosse Geldsumme! Nach der Konstituierung der Baukommission am 14. August 1905 wurde ein Projektwettberb ausgeschrieben. Im Bauprogramm heisst es unter anderem: "Der Bau soll würdig, aber ohne Luxus gestaltet werden. Die Kirche soll für mindestens 1000 feste Sitze berechnet werden. Die Glasfläche der Fenster so so reichlich bemessen sein, dass der ganze Innenraum hell und freundlich wird!"
Entwurf und Deutung
Vier Architekten reichten sechs Projekte ein, von denen allerdings keines einen ersten Preis errang. Der schöne Entwurf des Zürcher Architekten Adolf Asper kam den Wünschen der Baukommission am ehesten entgegen. Der schlichte Baukörper erscheint wie aus dem Hügel, inmitten von zarten Bäumen und lieblichen Sträuchern, herausgewachsen. Die Versöhnung von Stein und Natur, ein Hauptmerkmal des Jugendstils, kündigt sich hier schon an und wird auch für das Äussere der heutigen Oerliker Kirche bestimmend sein. Aus übertriebener Rücksichtnahme auf heimische Bauformen kam aber das Preisgericht zur Ansicht, "dass eine Neubearbeitung des Bauprojekts unerlässlich sei."
So wurde der zweite, stark abgeänderte Entwurf, der weitgehend den Umrissen der heutigen Kirche entspricht, von den Experten als ausführungsreif angesehen. Bei der Grundsteinlegung am 19. August 1906 äusserte sich der Architekt mit folgenden Worten über den zukünftigen Bau:
"Hochgeehrte Festversammlung!
Wir stehen am Grundsteine eines Baues, den die Gemeinde zur Ehre Gottes
erstellen will. Auf die soliden und
kräftigen Fundamente, in Zement und Kieselsteinen zu einem festen Ganzen gefügt,
werden die weiteren Bausteine nach dem Plane des Architekten aufeinander
geschichtet werden.
Der heute fertig gelegte Sockel der Kirche zeigt die Grundform des
Kreuzes. Es ist das diejenige Form, die
die Gemeinde am engsten um ihr geistiges Haupt sammelt. An diesem Eckpfeiler, in dem der Grundstein
liegt, wird sich ein rnassiver Turm aufbauen mit langgezogenem Helm. Der Turm erhält hoch oben eine Glockenstube
mit Schallöffnungen, damit die ehernen Töne der Glocken weit in das Land hinaus
klingen. In den Wimpergen des Turmes
werden Uhren eingefügt. Glocken und
Uhren sind Herolde des Gotteshauses für die Aussenwelt. Die Kirche wird in schlichten, einfachen
Formen aufgeführt, ohne Prunkwerk, aber solid und massiv. Sie wird eine echt schweizerische Kirche
werden."
In der Tat, die reformierte Kirche Oerlikon weist manche Anklänge an heimische Bauformen auf. Nicht nur die wuchtig überhöhte Turmspitze und die massiv-soliden Fassademauern mit ihren "primitiv bearbeiteten Werksteinen" sehen einer schweizerisch-bodenständigen Bergkirche ähnlich, sondern auch die tief herabgezogenen, weit ausladenden und über die Seitenwände hinausragenden Dachpartien wecken Erinnerungen an das alte Zürcher Bauernhaus mit seiner grossen Scheune, das vorher an dieser Stelle stand.
Hagrosen, Glasmalereien
Gesamthaft mag das Urteil erlaubt sein, dass aus dem schönen Bau glücklicherweise doch nicht ganz eine reine "Heimatstilkirche" geworden ist. Gerade im Innenraum der Kirche sind künstlerisch wertvolle Arbeiten des Jugendstils erhalten geblieben. Es sei an die in hellem Stein gehauenen Hagrosenblüten erinnert, die an der Kanzelwand mit ihren fein säuberlich gewundenen Dornenzweigen das Kreuz umranken, aber auch an die Glasmalereien der drei grossen Fenster, die zwei Engel mit Posaunen übe reinem stilisierten Weinberg mit reifen Trauben und die Vision eines dornengekrönten, schlafenden Christuskopfes über einem Ährenfeld mit Kornblumen zeigen.
Am 29. Oktober 1907 erklang nachmittags nach der Sitzung der Baukommission das erste Geläute in Oerlikon: "Die ersten Klänge unserer Glocken! Ein unvergesslicher Augenblick!", wie es im Protokoll heisst. Die Einleitung der schon zitierten Denkschrift schliesst mit den Worten: "Nun ist's anders geworden. Dort droben auf der aussichtsreichen Höhe erhebt sich heute stolz und schlicht zugleich ein hehres Gotteshaus, die erste protestantische Kirche zu Oerlikon."